Das Modul, das aus der Kälte kam

Gemeinsamkeiten

Beide dienen der Aufbewahrung von Inhalten. Beim Redaktionssystem heisst die Aufbewahrung etwas hochgestochen „Repository“. Dazu gleich noch mehr. Inhalte sind beispielsweise Joghurtbecher oder Module. Die Inhalte sind mit teilweise aufwändigen Metadaten „beklebt“. Die Inhalte des Kühlschranks muss ich selbst verwalten, indem ich z.B. die leicht verderblichen Objekte in einer kühleren Zone des Kühlschranks versammle. Das Redaktionssystem hat dafür ein Repository, in dem die Module verwaltet werden. Das klingt zunächst nach einer Aktivität (anders, als wir Verwaltung in unserem Alltag wahrnehmen). Ist aber nicht so gemeint, denn auch im Redaktionssystem brennt die Lampe nur, wenn die Türe offen ist, wenn ich mich also gerade um die Inhalte kümmere.  

Unterschiede

Die Inhalte des Kühlschranks haben zumeist ein Mindesthaltbarkeitsdatum und manchmal auch ein Verfallsdatum. Module hingegen sind scheinbar endlos haltbar und besitzen ein Erstellungsdatum sowie das Datum der letzten Änderung. Zugegeben: Es gibt bestimmt Zeitgenossen, die wissen möchten, wann sie zuletzt ein Ei der Verpackung entnommen haben.    

Für den Alterungsprozess der Dinge im Kühlschrank gibt es knallharte Indikatoren. Olfaktorisch-visuelle Selbstverwaltung? Bei den Modulen muss ich erst einmal hineinschauen und sie untereinander und mit dem durch sie beschriebenen Stück der realen Welt vergleichen, um festzustellen, ob sie schon „riechen“. Und damit lasse ich es wohl besser bewenden bei diesem Systemvergleich.  

Revision – der richtige Zeitpunkt

Viele Redaktoren sehen das Problem und daher bin auch ich nicht der erste Mensch, der es formuliert hat. Bei den marktgängigen Redaktionssystemen habe ich allerdings bis heute noch keine automatisierte Lösung für die Erstellung von Revisionslisten gesehen. Glücklich ist der Redaktor, der seine Module noch beim Namen nennen kann!  

Die Schwierigkeit mit einem individuellen Verfallsdatum für Module ist, dass es an jedem Modul einzeln angegeben werden müsste. Der manuelle Aufwand hierzu wäre immens. Ausserdem bestünde das Risiko, dass durch manuelles Umetikettieren auch noch „Gammel­module“ entstehen können. Effizient und sicher kann das Verfallsdatum dann gesetzt werden, wenn das Modul neu erstellt oder geändert wurde: Automatisch beim Speichern im Editor.

Nun können unterschiedliche Inhaltstypen von Modulen unterschiedlich schnell veralten bzw. einem erhöhten Risiko unterliegen, durch ­Terminologieänderungen korrumpiert zu werden. Denken Sie beispielsweise an Marketingtexte vs. technische Datenblätter.  

Es wäre daher naheliegend, den Modultypen unterschiedliche Intervalle zuzuordnen, nach deren Ablauf sie erneut in die Revision gelangen. Marketingtexte nach 6 Monaten, technische Datenblätter nach 12 Monaten u.s.w. Zur Berechnung des Revisionszeitpunkts wird dann kein individuelles Verfallsdatum mehr benötigt, sondern lediglich das Datum der letzten Änderung (und das gibt es in jedem Redaktionssystem). Nützlich kann auch ein am Modul hinterlegter Verwendungszähler sein. Der wurde bereits unter der Bezeichnung „Verwendungstachometer“ für Redaktionssysteme erdacht. Für Übersetzungseinheiten in einem Translation Memory gibt es das übrigens auch schon. Wenn ein Modul wiederverwendet wird, dann erhöht sich mitunter die Anzahl der Informationsprodukte, in deren Kontext es freigegeben wird. Die Revision dieser wiederverwendeten Module findet daher im Freigabeprozess des Informationsprodukts statt, so dass die Vorlage zur Revision des einzelnen Moduls ohne Risiko um eine festgelegte Dauer nach hinten verschoben werden kann. Die Wiederverwendungen dürfen aber nur für solche Informationsprodukte angerechnet werden, deren ­Lebenszyklus noch nicht zu Ende ist.  

Automatische Wiedervorlage

Da das Redaktionssystem (im Besonderen der Anwendungsserver) den grössten Teil des ­Tages auch in den emsigsten Redaktionen nicht wirklich ausgelastet ist, wäre eine server­seitige Hintergrundsuche nach zu revisionierenden Modulen eine mögliche Lösung. Nur solche Module, die

a) freigegeben sind,

b) mindestens einmal in derzeit noch aktuellen Informationsprodukten wiederverwendet werden und

c) deren Revisionsintervall abgelaufen ist, kommen in die Revisionsliste.

Die Redaktoren sehen dann in ihrer Aufgabenliste genau diejenigen Module aus der Revisionsliste, für die sie verantwortlich sind.  

Revision der Modulinhalte

Das machen wir natürlich nach dem Stand der Kunst mit den aktuellen (linguistischen) Checker-Tools.

Übersetzungen

Derselbe Mechanismus ist dann auch auf die vorhandenen Übersetzungen der Module anzuwenden. Das in allen Einzelheiten zu beschreiben sprengt den Rahmen dieses Beitrags und ist darüber hinaus auch von den Eigenheiten des jeweiligen Redaktionssystems abhängig. Nun aber führt mich mein nächster Weg zum erst gestern inhaltlich revidierten Kühlschrank.  

victor.linnemann[at]neo-comm.ch